Wahrhaft höllische Überraschungen kann man als hauptberufliche Grenzgängerin erleben. Vor allem, wenn im Weihnachtsland die Grenzstraßen gesperrt sind und unheimliche Umleitungen zwischen Stock und Wildschwein durch schier endlos scheinende Wälder führen. Das Weihnachtsland liegt übrigens dort, wo das Christkind eine Frau ist - weißgekleidet mit einem Lichterkranz auf dem Kopf. Es liegt dort, wo man einst Christbäume kopfunter an den Deckenbalken hängte und später mit roten Kunstrosen schmückte. Angeblich wurde Weihnachten im Elsass erfunden. Heute sind viele Elsässer Orte globalisiert, sehen aus wie ein Disneyland made in Taiwan - und das nicht selten schon ab Ende Oktober.
Dumm, dass ich gestern bei all diesen Umleitungen in eine dicke Nebelsuppe geraten bin. Es war nur ein leichtes Kribbeln im Nacken, das mir signalisierte: Mit dieser Straße stimmt etwas nicht! Nach Baden-Baden hätte sie geradeaus führen sollen. Stattdessen geriet ich immer tiefer in die Altrheinsümpfe. Ein paar ausgelassene Ochsenfrösche hüpften am Straßenrand, streckten mir ihren Daumen entgegen und ahmten dunkel klingende Glocken nach. Als ich mir an die Stirn tippte und weiterfuhr, hielten sie sich die Bäuche vor Quaken. Aus dem Nichts kommend schlängelten sich dicke Lianen im Dunst um hochgewachsene Eichen. In einer dieser Lianen hatte sich ein fetter Weihnachtsmann mit seinem Stiefel verfangen. Winzige nackte Putten umschwirrten ihn wie fleischfarbene Motten und zwackten ihn von allen Seiten. Das himmlische Gekichere war unerträglich. Sein Gebrüll nach einer Flasche Coca Cola auch.
Instinktiv nahm ich den Fuß vom Gas. Das war auch gut so, denn es wurde doch tatsächlich an der Grenzstation kontrolliert! Ein bärbeißiger Typ von Nussknacker, der augenscheinlich mehr als regelmäßig zum Check beim Zahnarzt ging, stand in einem Holzverschlag am Wasser. Zackig vertrat er mir den Weg und brüllte mich an, als ich das Fenster heruntergekurbelt hatte: "Papiere! Volkszählungsnachweis!" Ich muss wohl zu dumm aus der Wäsche geschaut haben, denn er wies mich an, die Weihnachtsgeschichte rückwärts aufzusagen. Ja, da war doch irgendetwas, mit Ausländern und Volkszählung und ausgebuchten Hotels ... Wahrscheinlich wieder irgend ein Kongress in Betlehem, was ging das mich an, ich wollte nur unbeschadet über die Landesgrenze!
Hinter mir drängelte ein Esel: "Weib, mach hinne! Ich komme zu spät zum Bratwurstessen!" Die Esel von heute sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Hätten die Menschen einst so ein unhöfliches Pack vom Stroh der Weihnachtskrippe fressen lassen? Da war er wieder. Dieser flüchtige Gedanke. Abgerissene, ärmliche, ungewaschene Ausländer. Zu Fuß unterwegs. Schon viel zu lang. Hungrig. Verzweifelt. Mit Volkszählungsaufruf in der Tasche und einem Baby im Arm. Wie sie nur an diesem Nußknacker vorbeigekommen waren? In den Grandhotels von Betlehem warf man sie hochkant raus. Wenn solche kommen, sind schnell alle Zimmer ausgebucht. Die sind immer für die Römer reserviert.
Aber zum Glück eilte dann der Typ mit der Colaflasche vorbei, mit seiner ratzfatzrasanten Troika, gezogen von Rudi, dem rotnasigen, weil dauerbetrunkenen Rentier. Ab durch die Mitte, die Lichtentaler Allee entlang. Joseph streckte den Daumen heraus. Zu spät, Rudi war schon längst an der nächsten Tränke. Selbst Gott ließ sich nirgends blicken. Was sollte so einer wie er nur tun in einer fremden Stadt, mit einer erschöpften Frau und einem hungrigen Kuckuckskind und einem unverschämten Esel, in dessen Magen es rumpelte, als hätten ihm die sieben Geißlein Wackersteine hineingenäht?
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| Da kam ein güldener Löwe des Wegs ... |
Da kam ein güldener Löwe des Wegs. Der flötete wie eine Amsel im Frühling: "Fohohoholget miiiir. Auf mein Kathedralendächlein. In mein Tannennestlein. Mit Kügelchen und Brimborium, mit Flitterchen auf dem Emporium ... fohohoholget mir!" Joseph hatte keine Chance. Er erkannte wohl, dass es sich um einen der bezahlten Anwerber handelte, welche die hungrigen Mäuler in die Spelunken der Römer locken sollte, damit sie ihr letztes bißchen Geld loswurden. Überall standen sie, diese vergoldeten Einheimischen, an jeder Straßenecke, und sie mästeten sich am unaufhörlichen Strom der Fremden, die zum Gezähltwerden gekommen waren.
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| ... dass Rudi Rednose zu einer schneeweißen Salzsäule erstarrt war ... |
"Hohohohoooo!", brüllte es auch aus dem Tannendickicht, "hohohohoooo, hier herein, hier ist's fein, wärmer als beim dämlichen Krippelein!" So schnell war der Weihnachtsmann auf seiner Troika gewesen, dass Rudi Rednose zu einer schneeweißen Salzsäule erstarrt war und gen Gomorrha blickte.
Was soll ich noch sagen? Die Geschichte ging aus, wie solche Geschichten immer ausgehen! Joseph ließ sich kaufen, mitsamt Familie und Esel. Ob Höhle oder Stall - das ärmliche Asyl, von dem sie in den Kirchen predigen, war lediglich die Erfindung eines überhitzten Schriftstellergemüts gewesen. Familie Jesusmariaundjoseph ging in Wirklichkeit dem güldenen Werber auf den Leim. Wochenlang werden sie bleiben und sie fressen sich jeden Tag die Speisekarte rauf und runter, runter und rauf. Die Römer haben ihnen sogar Strom in die Bude gelegt, weil sich Musterfamilien immer gut machen. Als Beispiel. Als Werbeträger. Als Appetizer. Als Zeichen: Schaut, so gut gehen wir mit den Fremden in der Stadt um! Wir haben nicht einmal etwas gegen Tierhaltung in der Unterkunft. Wenn es denn eine gut gepflegte badische Kuh ist.
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| Joseph ließ sich kaufen, mitsamt Familie und Esel. |
Smile, liebe Familie Jesusmariaundjoseph, smile und say "happy Schnitzel" und "Cheese". Schließlich müsst ihr etwas tun für die Herberge, für die Römer und all die Bratwürste, die verzehrt werden wollen zum Weihnachtspreis. Macht gute Miene, bleibt sanft, schließlich erwarten wir noch die Heiligen Drei Könige mit ihren gefüllten Schatullen!
Ich muss zu sehr in Gedanken gewesen sein. Ich lief frontal in einen Esel hinein. Sein erschrockenes "ia!" ließ den Strom der Neuankömmlinge auf der Straße erstarren. Wie himmlische Tränen tropfte der dicke Nebel auf die Menschen. "Was stehst du auch so dumm im Weg?", fragte ich den Esel. "Ich wollte auf die Flucht nach Ägypten", murmelte der. Ich kramte in meiner Geldbörse und fragte: "Nimmst du mich mit? Aber es muss schnell gehen, bitte jetzt gleich!"
(Um die Bilder in ihrem vollen Schrecken zu genießen, einfach anklicken oder in neuem Tab öffnen)




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