красный диван - - - zwischen den Stühlen

Plaudereien aus Baden-Baden, der Stadt mit der badisch-russischen Seele

Es war ein unvergesslicher Abend gestern im Baden-Badener Palais Biron: Die Deutsch-Russische Kulturgesellschaft hatte zum zweiten "musikalischen Salon" geladen, der dem Pianisten, Komponisten und Dirigenten Sergej Rachmaninow gewidmet war. Die Inszenierung des Konzertabends mit anschließendem Empfang überraschte von Anfang an, als die Sopranistin Yaroslavna Golovanova singend durchs Publikum zum Flügel schritt. Sie war es auch, die den Abend mit Charme und Leidenschaft moderierte, so dass man recht kurzweilig Wissenswertes über Sergej Rachmaninow erfuhr.

Palais Biron in Baden-Baden
Überraschend war auch der Gast des Abends: Michael Schuncke. Der Nachkomme eines berühmten Musikerclans mit Musikern in vielen Generationen ist Baden-Badenern ein Begriff, denn dort liegt das wichtige Schuncke-Archiv, dort gibt es auch eine rege, damit verbundene Konzerttätigkeit. Was auch ich nicht gewusst habe: Sergej Rachmaninow wohnte eine Zeitlang im Dresdener Haus von Schunckes Großeltern. Stundenlang hätte man den Erzählungen aus dieser Zeit zuhören können. Und wie lebendig wurde der Komponist, als man auch Näheres zu seinem Aufenthalt in Baden-Baden Mitte der 1930er Jahre erfuhr. Nicht allein der Stress der großen Tourneen hatte ihn ins Sanatorium Dengler getrieben, wie man das meist liest. Der Mann, der 1917 ins Exil gegangen war, erkannte die neuerliche politische Katastrophe und litt unter dem Zwang, ein weiteres Mal emigrieren zu müssen, ein weiteres Mal Freunde zurücklassen zu müssen. In den Familiengeschichten der Schunckes wurde dieses Schicksal deutlich.

Und immer wieder war die Musik dazu passend und liebevoll ausgesucht. Eine Arie aus Fidelio von Ludwig van Beethoven illustrierte Rachmaninows Liebe zu diesem deutschen Komponisten und Tschaikowskys Lied "Serenade von Don Juan" verdeutlichte den Einfluss des großen Meisters.

Es gab aber noch eine Überraschung, eigentlich eine doppelte. Faszinierend war es zu erleben, welche guten Musiker und Sänger in Baden-Baden zur Verfügung stehen - das ist internationale Güteklasse. Neben der Sopranistin Yaroslavna Golovanova und dem Bass Mikhail Nikiforov spielten Elena Benditskaja und Hae-Song Jang Klavier. Am Cello war Konstantin Manaev zu hören.

Und genau dieser junge Cellist hat mir dann den Atem genommen. Zufällig hatte ich am Mittag noch eine CD-Aufnahme von Rachmaninows Sonate für Cello in G moll Op. 19 gehört, gespielt von einem Cellisten, der eine sehr klare und kühle Art hat. Am Abend dann die gleiche Sonate: eine völlig andere Welt, ein ganz anderer Rachmaninow. Allerdings einer, der sich mir eher erschließt. Ich bin keine Klassikkritikerin und erspare meinen Lesern peinlich blumige Beschreibungen. Aber was Konstantin Manaev da auf der Bühne nicht nur gespielt, sondern gelebt hat, erfüllte nicht nur mich mit dem Verdacht, aus diesem jungen Solisten könne etwas Großes werden.

Erst im April 2010 hatte er sein Debüt-Konzert mit Schostakowitsch in der Zürcher Tonhalle gegeben, im Moment bereitet er sein Solisten-Diplom bei Ivan Monighetti in Basel vor. Gespielt hat der Cellist, der schon mit zehn Jahren samt Orchester auf der Bühne stand, mit Musikern wie Zakhar Bron oder Misha Maisky, mit dem Moskauer Symphonieorchester der Nordwestdeutschen Philharmonie, der Sankt Petersburger Kammerphilharmonie oder dem Luzerner Sinfonieorchester. Dass er eines Tages im Festspielhaus zu hören sein würde, wie man ihm nach seinem Spiel wünschte, halte ich für absolut möglich. Den Namen Konstantin Manaev muss man sich unbedingt merken!

Bei Sakuski und Sekt konnte man dann alte Bekanntschaften auffrischen und neue Menschen kennenlernen - ihnen allen gemeinsam die Begeisterung für Musik und Kultur. Kosmopoliten waren da versammelt und ich musste wieder einmal feststellen, dass ich viel darum gäbe, wenn ich auch nur ein winziges bißchen so gut Russisch könnte wie einige der anwesenden Russen Deutsch. Immerhin, ich konnte nach vielen Jahren sogar mal wieder Polnisch sprechen...

Die Deutsch-Russische Kulturgesellschaft mit ihrer Präsidentin Valentina Juschina hat ganze (und sicherlich aufwändige) Arbeit geleistet, den Gästen nicht nur einen unvergesslichen Abend zu schenken, sondern auch in Baden-Baden einen niveauvollen Platz zu schaffen, an dem sich Deutsche und Russen jenseits von Vorurteilen und Klischees kennenlernen und gemeinsam engagieren können. Die Stadt Baden-Baden erhält mit dem musikalischen Salon eine neue künstlerische, kulturelle Veranstaltungsreihe - und das ist meiner Meinung nach ganz besonders wichtig in Zeiten, in denen ein Austausch über die Grenzen hinweg immer stärker nur auf wirtschaftliche Beziehungen reduziert zu sein scheint. Es sind die menschlichen, die kulturellen Beziehungen, die Wirtschaft und Politik überhaupt erst möglich machen. Und es sind die Künste, die weit ab von Sprachkenntnissen Kommunikation leisten und anregen.




Es gibt nichts, was man nicht bei youtube findet - zum krönenden Abschluss genau die Kombination, die ich im Palais Biron hören konnte: Konstantin Manaev und die Pianistin Hae-Song Jang spielen die Cello-Sonate op. 19 von Rachmaninow.

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