Manchmal werden große Rätsel fast wie durch Zufall gelöst. Bei meiner Lesung aus dem Buch "Faszination Nijinsky" am Dienstag in Baden-Baden ging es unter anderem darum, wie Nijinsky im Vorfeld seiner psychischen Krankheit immer größere spirituelle Bedürfnisse entwickelte. Er las mit Begeisterung Maurice Maeterlinck und tat etwas, das seine Frau Romola gegen ihn aufbrachte: Nijinsky verehrte Tolstoi.
Für einen Russen nichts ungewöhnliches, für einen Ballettänzer, der seinen Abschluss am Kaiserlichen Theater in Sankt Petersburg gemacht hatte, erst recht nicht. Denn die Eleven bekamen zum bestandenen Examen die Gesamtausgabe von Tolstois Werken geschenkt, wie sie bis dahin aussah. Nijinsky, das erzählt seine Schwester Bronislawa, hat die Bücher immer und immer wieder gelesen.
Doch dann entwickelt er - wie viele Menschen seiner Zeit - einen tieferen Bezug zum Nationalschriftsteller. Nijinsky befindet sich mit den Ballets Russes 1916 auf Amerika-Tournee, die Compagnie ist für eine kurze Zeit den Gräueln und Gefahren des Ersten Weltkrieges in Europa entronnen. Aber es ist nur eine Atempause. Jeder weiß, zuhause erwarten sie Leid, Hunger, brutales, industrialisiertes Menschenabschlachten, das Irrewerden an einer einst kosmopolitischen Welt, in der sich nun alle gegenseitig zerfleischen.
Nijinsky ist völlig überarbeitet, leidet als sensibler Künstler unter den Zeitumständen, aber mehr noch an der falschen Glitzerwelt der Superstars. Er wünscht sich nichts sehnlicher, als nach Russland zurück zu kehren, einfach wie ein Bauer auf dem Lande zu leben, ruhiger zu werden. Als er sich nicht nur in dieser Hinsicht an Tolstois spirituellen Ideen orientiert, sondern auch wie dieser Vegetarier werden will, hat Romola genug. Ihre emotionale Erpressung ist klar. Entweder Tolstoi oder sie.
Nijinsky kapituliert nicht gleich. Zu sehr faszinieren ihn die Ideen von Nächstenliebe und Gewaltlosigkeit in diesem irrsinnigen Krieg. Im fernen Amerika schließt er sich zwei russischen Tänzern an, diskutiert mit ihnen ganze Nächte über Tolstoi, der zu jener Zeit schon sechs Jahre tot ist, aber keinesfalls vergessen. Bei jenen Tänzern muss es sich um "Jünger" Tolstois handeln, wie sie damals predigend durch die Lande zogen, oft schon so fanatisch, dass sie selbst Tolstoi bei Lebzeiten nicht mehr ganz geheuer waren. Es gab aber immer jenes geheimnisvolle "missing link": Hatten die Russen alte Bücher mitgenommen? Woher bezogen sie die Inhalte ausgerechnet in den USA? Warum waren sie nicht schon in Paris, mitten im kriegsgebeutelten Europa auf solche Ideen gekommen?
Auf der Bildungsplattform Open Culture habe ich eben via Twitter eine absolute Rarität entdeckt: Lew Tolstoi liest in vier Sprachen aus seinem letzten Werk, das in der Sowjetunion verboten war. Die Lesung stammt aus dem Gründungsjahr der Ballets Russes 1909, ein Jahr vor seinem Tod. Tolstoi hat eine Art spirituellen Kalender verfasst, mit Sinnsprüchen und Nachdenklichem - von eben jenen Autoren, über die sich auch Nijinsky unterhält.
Das Verrückte aber ist die Schallplatte, auf die "Wise Thoughts For Every Day" aufgenommen worden ist. Es handelt sich um das weltberühmte Grammophon-Label "His Master's Voice". Ist Nijinsky auf diese Art an jenes "erbauliche" Werk gekommen? Haben die drei Männer in ihrer Gottsuche in den USA diese Schallplatte abgespielt? Sind sie in den USA auf die Platte gestoßen, als Nijinsky sich dort begeistert mit technischen Neuerungen befasste? Um dies zu verifizieren, müsste man genauer recherchieren. Im Moment ist es nur eine gewagte Hypothese.
Aber ich denke, der Zauber, der diesem Fund innewohnt, ist nachzuspüren: Hier hören wir nicht nur den großen Tolstoi aus einem fernen Jahrhundert - hier hören wir eine Stimme, die Nijinsky zu seiner Zeit hören konnte, einen Schriftsteller, den er verehrte und der sein Leben veränderte. Unsterblichkeit in Tönen.
Zur Information empfehle ich den Einleitungsartikel mit einer Transskription des englischen Textes (Tolstoi ist sehr schwer zu verstehen). Der Spezialist für russische Literatur Andrew D. Kaufman hat auf seiner Website weitere Tonzeugnisse von Tolstoi gesammelt.
Lesetipp:
Petra van Cronenburg: Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos: Gedrucktes Buch / E-Book (Gewünschtes anklicken)
Eine Rarität von Tolstoi
Ein russischer Mythos in Baden-Baden
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| Vaslav Nijinsky und Sergej Diaghilew stiegen incognito im Hotel Stéphanie-les-Bains ab, dessen Nachfolger das Brenner's Parkhotel ist. (Foto: Petra van Cronenburg) |
Annäherung an Schukowskij
Die Arbeiten an meinem Buch über das russische Baden-Baden geraten in die erste heiße Phase. Während die Recherchen in deutschen, französischen, englischen und russischen Unterlagen in neue Tiefen gehen, muss ich mir über das Anlegen des Ganzen, über den Erzählton, Gedanken machen. Schließlich will ich nicht einfach Altbekanntes wiederholen, sondern eine literarische Annäherung wagen, wie ich sie - ähnlich - in meinem Buch "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt" schon praktizierte (Print vergriffen). Diese völlig subjektive Art, erzählerisch eine Landschaft zu erschließen, so dass man sie auch im Lesesessel mit allen Sinnen bereisen kann, kam bestens an. Um aber meine Leser derart leichtfüßig und genießerisch durch fremde Welten zu führen, bedarf es einer Menge Vorarbeit, bis das eigene Wissen so versteckt ist, dass es die Leser nicht nervt, sondern völlig unauffällig bereichert.
Ich muss mir dazu selbst erst die Themen und Figuren sinnenhaft vergegenwärtigen und einen ersten Probetext entwerfen. Der wird nicht unbedingt in dieser Form ins Buch eingehen, aber den Ton vorgeben, das Gerüst kennzeichnen - und mir zeigen, wie viel Platz ich welchen Elementen geben kann. Aus einem aktuellen Anlass heraus habe ich dafür den großen russischen Dichter und Übersetzer Wassili Andrejewitsch Schukowskij (1783-1852) gewählt, den man den "Novalis" Russlands nennen könnte - denn er hat die romantische Literatur in Russland begründet. Wie kein anderer hat er den Russen deutsche Literatur nähergebracht - er übersetzte Goethe und Schiller, aber auch den in Baden so geschätzten Johann Peter Hebel. Verheiratet mit der Tochter eines berühmten Malschulen-Gründers, Elisabeth von Reutern, lebte Schukowskij längere Zeit in Baden-Baden und starb auch dort (und wurde posthum nach Petersburg überführt). Die deutsch-russische Kulturgesellschaft Baden-Baden hat eine Patenschaft für sein ehemaliges Grab übernommen, in dem auch seine beiden Kinder beerdigt worden waren: die Tochter berühmt-berüchtigt durch ihr Verhältnis mit einem Sohn von Zar Alexander II., der Sohn berühmt als Maler und Bühnenbildner in Deutschland.
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| Die Grabstätte Schukowskij im jetzigen Zustand. Der Sonnenstreifen hinten muss mit einer Hecke bepflanzt werden, das Grab wird mit Stein eingefasst und ein alter Obelisk mit Namenstafeln wird aufgestellt werden. |
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| Blick durch die mittige Allee in der Sophienstraße auf den Reiherbrunnen (Jugendstil), in dem echtes Thermaltrinkwasser fließt. Rechts hinter der Apotheke befindet sich das Palais Kleinmann. |
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| Das ehemalige Hotel Viktoria ist heute ein Geschäftshaus. Rechts davon liegt die Sophienstraße. |
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| Hat Schukowskij so für Baden-Baden geschwärmt wie Turgenjew, dessen Sprüche heute als Werbemittel dienen? |
Erst, wenn der Mann vor meinen Augen so lebendig wird, dass ich mit ihm reden kann, wird er auch zur tragenden Buchfigur. Das ist nicht einfach bei großen historischen Persönlichkeiten. Längst sind sie in Enzyklopädien und Chroniken, vor allem aber in der Kolportage erstarrt, haben ihre Ecken und Kanten verloren. Übrig bleibt ein steinernes Denkmal, von dem wir wissen: Dieser Mensch hat einmal genauso geatmet wie du und ich, er hat gegessen, verdaut, Zipperlein bekämpft und geliebt, mit seinen Nachbarn getratscht oder auch nicht.
Genau auf dieser Ebene beginnt die schriftstellerische Imaginationsarbeit. Ich stelle mir vor, all die Russinnen und Russen, Badnerinnen und Badner und ihre Bekannten aus aller Welt, die in meinem Buch vorkommen sollen, seien meine eigenen Nachbarn. In meiner unersättlichen Neugier belausche ich ihre Freunde, wenn sie übereinander reden. Ich lese heimlich ihre Briefe, auch die intimsten, die gar nicht für die Augen Dritter bestimmt waren. Ich frage ihre Widersacher und Feinde aus, bürste Propaganda aus allen Zeiten und von allen Seiten gegen den Strich. Was davon wird Bestand haben? Was davon entlarvt mehr den Kolporteur als sein Sujet? Ich folge den Spuren dieser "Nachbarn" und ertappe sie bei Lastern genauso wie bei Triumphen. Ich kratze an den Fassaden ihrer Wohnungen und ihrer Persönlichkeiten, bis das zutage tritt, was man in einem Buch wirklich braucht: die Menschen. Die lebensvollen Menschen, die uns vielleicht auch heute noch etwas zu erzählen, zu sagen haben.
Alle Fotos und Text - wie immer: (c) by Petra van Cronenburg
Stehlen Sie meine Werke nicht - fragen Sie mich einfach, wenn Sie Bedarf an Texten oder Bildern haben!
Ich sehe Baden-Baden sozusagen nur als Touristin, sprich: Ich fahre hinein und wieder hinaus. Denn ich wohne in dem Land, das den Baden-Badenern offensichtlich eine harte Nuss vor die Haustür gesetzt hat, mit seinem Outlet-Center bei Roppenheim. Während wir uns in Frankreich über Arbeitsplätze und möglichen Aufschwung in der stark kränkelnden Region der Töpferdörfer freuen, zeigen mir Presseberichte, dass jenseits des Rheins die Angst geschürt wird. Während wir uns freuen, dass vielleicht endlich einmal in der Region bezahlbare und schicke Mode für jedermann zu haben ist, befürchtet Baden-Baden den Exodus der reichen Klientel. Keine Frage: Es ist höchste Zeit, sich von den Fabriken auf der grünen Wiese zu unterscheiden und sich zu überlegen, wie man Kunden hält.
Als ich gestern abend durch die Stadt bummelte, war ich entsetzt. Wieder wunderschöne Läden weg, die für mich das typische "normale" Baden-Baden ausmachten, den Reiz einer Stadt, die nicht nur mondän, sondern auch unverwechselbar sein will. Ein paar andere sind bedroht. Jemand, der betroffen ist, gibt den Grund an: Die Mietpreise werden so exorbitant erhöht, dass ein Auskommen mit einem ganz normalen Laden für ganz normale Bürger nicht mehr möglich ist.
Was aber bleibt in einer Stadt, die nur nach dem großen Geld schielt? Werden wir eines Tages überall nur noch jene Edelboutiquen finden, bei deren gähnender Leere im Ladeninnern ich mich ständig frage, wo und an wen da eigentlich verkauft wird? Bürstet sich die Stadt langsam so glatt, bis man lieber nach Paris oder Moskau, London oder Berlin fliegt, weil es dort haargenau das Gleiche gibt - nur noch größer, noch schöner?
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| Schöne Fassaden, schöner Schein ... Foto: (C) by Petra van Cronenburg |
Jene Läden gehör(t)en zu dem Baden-Baden, für das ich eigens aus Frankreich anreise - wegen des Wohlfühlfaktors, wegen des so absolut typischen, so ganz anderen Seins neben den Glitzerfassaden. Als ich meinen Roman "Lavendelblues" schrieb, der teilweise in Baden-Baden spielt, setzte ich mit einem fiktiven Laden darin eigentlich einer Erinnerung aus Warschau ein Denkmal. Sechs Jahre nach Erscheinen des Romans scheint solch ein Laden zu einem Auslaufmodell geworden zu sein. Mein erfundener Dimitri könnte sich bei den Baden-Badener Immobilienpreisen und Ladenmieten heute wohl auch nicht mehr halten.
Die geheimnisvollen Menschen, die unsichtbar in jenen immer leeren Boutiquen einkaufen, werden das wahrscheinlich auch weiter tun, so lange Baden-Baden sich als Ausflugsziel gegenüber anderen Städten dieser Welt behaupten kann. Ich habe aber den Eindruck, derzeit stehen die Zeichen für Normalverdiener eher auf Grenzgang. Wo Authentisches verschwindet, kann man nämlich auch ins unpersönliche Outlet-Center verschwinden.
Nachtrag: Seit ich diesen Beitrag geschrieben habe, habe ich schon wieder einen geschlossenen Laden entdeckt. Galerien breiten sich in manchen Leerstand hinein aus, Galerien, in denen es nicht gerade von Menschen wimmelt ... Und eine Geschäftsfrau erzählte mir von einer Mieterhöhung um satte 50 Prozent.
Ich halte mich eigentlich für einen recht kosmopolitischen, offenen Menschen, der es gewohnt ist, in binationalen Beziehungen weit über den eigenen Tellerrand zu schauen. Umso schöner ist es, wenn ich mir der Balken im eigenen Auge wieder bewusst werde und lerne, dass man gar nicht neugierig und offen genug sein kann. Vielleicht erinnern sich manche Blogleser noch daran, wie ich über die alte Achse der Avantgarde zu Beginn des 20. Jhdts. geschwärmt habe, die einmal von Paris bis Petersburg reichte und durch den ungeheuer großen kulturellen Reichtum aller Beteiligten für solche Umwälzungen in der Kunst sorgen konnte.
| Henrik G. Vogel bei pixelio.de |
Würden derart unterschiedliche Menschen, die sich zuvor noch nie gesehen hatten, miteinander zurechtkommen? Würden irgendwelche Hürden zu bewältigen seien, zumal wir ja auch nicht unbedingt kreuz und quer durch alle Sprachen wechseln konnten? Wie viel wissen wir eigentlich voneinander?
Um dem Ganzen zwischenmenschliches Schmieröl zu verleihen, war die Vorspeise russisch, die zweite Vorspeise badisch, der Käse französisch und das Dessert englisch, während sich der Hauptgang nicht so ganz zwischen nördlichen Meeren und Tropen entscheiden konnte. Bekanntlich geht nicht nur die Liebe durch den Magen, ersten Annäherungsversuchen hilft der Magen auch - so weit würde ich sogar in rein geschäftlichen Beziehungen gehen. Und es lernt sich leichter, wenn man keinen Hunger schiebt. Das war - neben allen privaten Freuden - der größte Aspekt bei mir: Ich habe eine Menge gelernt. Und zwar nicht nur darüber, was für Arten von Butter man wo kennt und wie man wo Pfannkuchen oder Rote Beete zubereitet - diese wahrhaft globalen Genüsse. Ich habe gelernt, dass vor mir ein Grenzpfosten steht und dass ich zwei Möglichkeiten habe. Ich kann ihn ignorieren, drauflos schwätzen und mir den Kopf daran anschlagen. Ich kann mir das Hindernis aber auch anschauen, damit leben, dass es im Weg steht - und um das Hindernis herumlaufen.
Dann stehe ich auf der Seite des anderen und schaue aus dessen Perspektive auf den Grenzpfosten. Ich kann mich sogar an der Hand nehmen lassen, kann neugierige Fragen stellen. So ermögliche ich meinem Gegenüber, genauer zu beschreiben, was er sieht - er schärft mir den Blick. Wenn ich es schaffe, diesen störenden Grenzpfosten nicht nur von einer einzigen "Gegenseite" aus zu sehen, sondern womöglich mehrere unterschiedliche Positionen einzunehmen, geschieht etwas, was wir aus der Kindheit kennen: Je mehr wir uns im Kreise drehen, desto schwindliger wird uns. Der Pfosten scheint sich aufzulösen. Bleiben wir plötzlich stehen, wissen wir nicht mehr, wer sich da um wen dreht. Die ganze Welt scheint um uns als klitzekleinen Fixpunkt zu rotieren, Hindernisse gibt es nicht mehr. Grenzen lösen sich auf, wir drehen und tanzen mit - und die Welt ist nur bunt, weil es so viele winzige Fixpunkte gibt, weil sie zum Glück alle eine andere Farbe und Form haben als wir.
Das klingt nach Idyll. Aber es will hart erarbeitet werden. Es ist ja so viel einfacher, eine Gegenmeinung zur Meinung loszuwerden und in der eigenen Welt verhaftet zu bleiben. Du machst Pfannkuchen mit Hefe, ich mache Pfannkuchen ohne Triebmittel, Pfannkuchen ist doch Pfannkuchen und basta. Wir kennen Butter aus Sauerrahm und bei euch finde ich keine, basta. Du kennst nur das richtige Butterwort nicht, deshalb kannst du sie im Regal nicht finden, dir fehlt einfach nur ein Wort. Aha! Schon wird die Welt ein wenig reicher: Für den Hefepfannkuchen hat jede einen anderen Trick. Da gibt es die kleine runde Pfanne, in der er dicker und ebenmäßig geformt gebacken wird. Oder den Trick mit der spät eingerührten heißen Butter, die ihn zu filigranen Spitzen explodieren lässt. Pfannkuchen ist eben nicht gleich Pfannkuchen und manchmal fehlt uns nur einfach das richtige Wort.
Wenn sich sehr unterschiedliche Kulturen annähern, dann geht das wie bei allen zwischenmenschlichen Beziehungen mit vorsichtigem Beschnuppern los. Um den anderen einschätzen zu können, muss ich mir ein Bild machen und eher zuhören und fragen, als jemandem die Ohren abreden. Ich muss mich zeigen, der andere muss sich zeigen. Plötzlich geschieht etwas Faszinierendes, was man in dieser Intensität bei Treffen unter Altvertrauten nicht derart stark wahrnimmt. Die Leute zeigen ihr Sein, nicht all das Angelernte. In dem Moment, in dem jeder am Tisch eine Minderheit ist, weil es keine Mehrheit gibt, kann sich jeder so geben, wie er ist. Der Anpassungsdruck fällt weg, dem man ausgeliefert ist, wenn man als Einzelner in einer konformen Menge nicht auffallen will. Es gibt plötzlich nur Exoten, wir alle sind Fremde - und das können wir teilen. Man tauscht sich aus, schaut an, lernt, lacht und wundert sich auch tüchtig.
Wenn nämlich jeder so einen Grenzpfosten vor dem eigenen Kopf wahrnimmt, ist man ja gezwungen, sich um den Balken im eigenen Auge herum zu bewegen. Vor allem bei politischen und tagesaktuellen Diskussionen, bei denen es nicht mehr nur um die Butter auf dem Brot geht, wird das deutlich. Irgendwer am Tisch mag eine für andere vollkommen drollige oder absurd klingende Sichtweise äußern. So manches Schlagwort mag uns aus Medienberichten sogar bekannt vorkommen. Wie kann man nur eine Sache derart sehen! Wo wir uns doch alle einig sind, dass sie ganz anders aussieht!
Stopp. Wer ist dieses "wir"? Wer ist "alle"? Wir haben uns so schön an den Konsens gewöhnt, weil Konsens so behaglich ist, weil wir uns darin sicher fühlen. Und plötzlich kommt da jemand, schüttelt den Kopf, lacht vielleicht und kommt auch mit einem "wir". Da sind andere "alle", die sehen das aber völlig anders!
In solch einem Moment könnte man zu streiten beginnen, auf dem eigenen Standpunkt beharren und vielleicht sogar Kriege erklären. Das Vertrackte dabei ist nur die Tatsache, dass diese dämlichen Grenzpfosten eigenlich immer nur und immer wieder der gleiche Dorn im Auge des Betrachters sind. Wir stehen lediglich an unterschiedlichen Positionen um diese Pfosten herum. Wir können bleiben und ballern. Wir könnten uns aber auch bewegen. Wie siehst du mich von deinem Blickwinkel aus? Warum siehst du die Sache so ganz anders? Was müsste bei mir geschehen sein oder sich verändern, dass ich deinen Blickwinkel zumindest nachvollziehen kann? Magst du einmal auf meine Seite kommen und anschauen, welchen Balken ich im Auge habe?
Schnell wird klar, dass wir nicht aus Butter gemacht sind, sondern einen ganzen Rattenschwanz an persönlicher Geschichte, aber auch an "ganz großer" Geschichte im Gepäck tragen. Die vier Nationen, die da an einem Tisch sitzen, sind das aufgrund oft zufälliger Passverteilungen. In Wirklichkeit jedoch - betrachtet man die Geschichte eines jeden einzelnen - sitzen da weit mehr Nationen an einem Tisch, abenteuerliche Kombinationen, Völkerwanderungen, Fluchten, freiwillige Grenzübertritte, Gebliebende und Emigranten, Weltenwechsler und Stabile. Unterm Tisch liegen viel zu viele Kriege, aber auch Versöhnungen und sogar grenzenlose Lieben. Der Tisch, der diese Menschen versammelt, biegt sich. Nicht nur wegen der internationalen Köstlichkeiten. Er biegt sich unter dem menschlichen Reichtum, unter wertvollen Erfahrungen, unter all den farbigen Sichtweisen.
Wenn man im Russischen Kaviar zur Genüge hat, dann sagt man, man löffle Kaviar mit dem Schöpflöffel. Ein Gerät, das auch der Franzose oder Engländer kennt. Im Deutschen "schöpft man aus dem Vollen". Wer jeden Tag Kaviar zur Verfügung hat und sich nur unter Menschen bewegt, die ausschließlich Kaviar essen, dem würden die begehrten Fischeier ganz schnell wieder "aus den Ohren herauskommen". So stelle ich es mir vor, wenn man sich nur immer unter Seinesgleichen bewegt. Es mag zuweilen nahrhaft sein, von allen Seiten bestätigt zu bekommen, dass man Meinungen teilt. Aber wie öde ist das auf Dauer? Lernen muss man da nicht mehr viel, allenfalls das Sodbrennen bekämpfen.
"Aus dem Vollen schöpfen" kann aber auch doppeldeutig sein: Wie schmackhaft ist erst die Kombination unterschiedlicher Geschmäcker, unbekannter Genüsse und ungewohnter Speisen! Kaviar und Kartoffeln? Warum eigentlich nicht? Dumme Verbote stellen wir uns doch nur selbst auf, oder? Ich wette: Wenn wir unseren eigenen Grenzpfahl mit beiden Händen halten und uns nur schnell genug um ihn drehen, dann wird er unsichtbar - und plötzlich tanzt die ganze Welt mit uns.
Gescheiterte Ehen
Ehen können manchmal auf sehr hohem Niveau scheitern - dann nämlich, wenn sich die Trennung in Romanen der Weltliteratur abspielt. Im 19. Jahrhundert erwuchs für die Frauen eine besondere Tragik - viele Rechte gegenüber dem Mann hatten sie nicht. Der Philologe und Autor Günther Klümper hat sich drei Beispiele unglücklicher Frauen ausgesucht - aus der Feder eines Franzosen, eines Deutschen und eines Russen:
- Madame Bovary von Gustave Flaubert
- Effie Briest von Theodor Fontane
- Anna Karenina von Lew Tolstoi.
Vortrag von Günther Klümper: "Drei tragische Frauenschicksale in der europäischen Literatur des 19. Jahrhunderts"
am Dienstag, den 10.1.2012, um 19 Uhr im Saal "Aurelian" des Hotels Aqua Aurelia (gegenüber Caracalla Therme / Parkhaus Vincenti)
Als man dem weltberühmten Balletttänzer und Choreografen Vaslav Nijinsky die Möglichkeit zum Tanzen nahm, malte er bewegungsintensive Bilder. Als ihm auch das versagt blieb, schrieb er seine Tagebücher, bevor er in der Psychiatrie in Schweigen versank. Er schrieb sie in russischer Sprache, die er erst in seiner Kindheit gelernt hatte - denn beide Eltern redeten polnisch. Bis heute rätseln manche Fachleute, wie sich Nijinsky mit seiner ungarischen Frau unterhalten haben mag - obwohl beide natürlich des Französischen mächtig waren. In seinen Tagebüchern heißt es über die Familie seiner Frau:
"Sie glauben, ich verstehe nicht, was sie ungarisch reden. Ich schreibe, und gleichzeitig lausche ich ihrem Gespräch. ... Ich bin ein Mensch mit Gefühl, deshalb fühle ich die ungarische Rede."Immer wieder verweist er darauf, dass Verstehen mit dem Fühlen beginne, mit tiefer Empathie. Obwohl ich der gleichen Meinung bin und an ein vorsprachliches Verstehen glaube, beneide ich Nijinsky um diese Herangehensweise. Wenn ich als Autorin der Sprache und des Ausdrucks beraubt bin, dann ist das so ähnlich, wie wenn man einen Tänzer bewegungslos in einen engen Raum einsperren würde. Sprache ist mein tiefinnerlicher Lebensausdruck - über Sprache bin ich.
Und weil ich auch gern mit Menschen zusammen bin, die nicht unbedingt die gleiche Sprache sprechen wie ich, habe ich alle möglichen Sprachen gelernt - das fällt mir zum Glück leicht. Meine Mutter erzählte mir einmal entsetzt, dass ich als ganz kleines Kind eines Tages aus dem Fenster geklettert und spurlos verschwunden war. Meine Eltern fanden mich nach langer Suche bei den kanadischen Nachbarn. Ich hatte mich dort selbst zum Essen eingeladen und redete offensichtlich in einer für meine Mutter fremden Sprache - fließend. Gingen wir in der Stadt spazieren, äffte ich mit meiner Freundin die Laute der französischen Soldaten nach. Es klang zwar sehr französisch, war aber schönstes Kinderkauderwelsch.
Diese Lernmethode ist leider mein Problem. Ich lerne zunächst durch Nachahmung, spielerisch wie ein Kind. Nie habe ich Vokabeln pauken müssen; die Worte kommen einfach, wenn ich sie fühle und wenn sie Farben und Klänge bekommen. Ich langweile mich tödlich über schulisch aufgebauten Lehrbüchern und kann keine Grammatik oder Regeln aufsagen. Die kann ich übrigens nicht einmal in meiner Muttersprache, obwohl ich Spracharbeiterin bin.
Manchmal führt dieses Lernen zu peinlichen Situationen. Als ich in Polen einmal unter Pariser Bourgeoisie saß, konnte ich absolut nicht verstehen, warum die Franzosen plötzlich alle von mir abrückten, als hätte ich die Pest. Eine polnische Freundin klärte mich auf: "Du sprichst wie der allerletzte maghrebinische Zuhälter aus der Vorstadt!" Das lag an meiner Lernmethode: Ich hatte mir unzählige Folgen einer Krimiserie angeschaut, bei der der maghrebinische Kommissar besondern realistisch im Milieu ermittelt. Action konnte ich damals gerade so verstehen. Ich wusste plötzlich, dass es gefährlich sein kann, wenn man Szenen einfach nachspielt, weil man glaubt, jemand habe doch gerade genau das Gleiche gesagt wie in diesem Film, worauf dann alle immer das und das antworteten. Ich habe lange gebraucht, um mir diesen Argot wieder abzutrainieren.
Ganz schlimm fühle ich mich, wenn ich sprachlos bin. Ich erinnere mich noch gut an das Gefühl, als ich in Warschau ankam und diese Sprache so völlig anders tickte als die westlichen. Ich war ein einsames Marsmännchen auf einem fremden Planeten und hätte viel für eine Übersetzungsmaschine gegeben, die man sich einfach um den Hals hängt. Zum Glück haben mich die Polen besser verstanden als ich sie - und so habe ich ihre wundervolle Sprache gelernt. So kann ich gut all den anderen Marsmännchen nachfühlen, wenn es ihnen genauso geht. Wenn sie unsicher sind, ob ein Wort richtig sein könnte, eine Geste nicht vielleicht fehl am Platz ist. Wird mich der andere verstehen? Wird der andere mehr als meine dürren Worte verstehen, nämlich wirklich wissen, was in mir vorgeht?
In solchen Fällen möchte ich immer dazu ermuntern, nicht die gleichen Fehler zu machen wie ich. Mein Erlebnis mit den Parisern hatte mich lange gelähmt. Ich war viel zu ängstlich und bekam vor lauter Perfektionismus gar kein Wort mehr heraus. Seit ich jedoch weiß, dass auch französische Kinder nicht korrekt schreiben können, dass viele Erwachsene Fehler machen, bin ich locker geworden. Es kommt nicht darauf an, ob unsere Sätze richtig konstruiert sind und die Vokabel hundertprozentig passt. Es kommt darauf an, dass wir überhaupt versuchen, zu kommunizieren, wenn nötig, mit Händen und Füßen. Über das Fühlen kann man so viel verstehen - da hat Nijinsky völlig recht.
Und das ist derzeit eigentlich der Stand meiner Russischkenntnisse. Ausgerechnet ich, die ich ständig kommuniziere, spreche, Sprache knete, mit Sprache jongliere - ich bin wieder zu diesem kleinen, traurigen Marsmännchen geworden. Ungeduldig möchte ich alles in mich einsaugen, könnte stundenlang zuhören. Aber irgendwer hat mir die Übersetzungsmaschine vom Hals genommen und ich bleibe stumm. Ein schreckliches Gefühl! Zumal die Russinnen und Russen, die mir begegnen, meist um so viele Längen besser Deutsch können. Was mich jedoch gar nicht auf der faulen Haut liegen lässt. Fühlen ist ja gut und schön und wichtig. Aber wenn ich jemanden wirklich ganz tief verstehen will, muss ich wissen, wie seine Sprache funktioniert, wie sie gewachsen ist. Ich muss ihre Klänge und Bilder in mich aufnehmen und ahnen lernen, an welchen Stellen sie mit meinen eigenen Bildern zur Deckung gebracht werden könnten.
Also "fühl-lerne" ich wieder drauflos, in diesem unangenehmen Verpuppungsstadium der eigenen Sprachlosigkeit. Dabei ist das Russische gar nicht so fern. Es klingt nämlich nach Kindheit. Irgendetwas ist da tief vergraben und will hinaus. Als ich in der Schule schreiben gelernt hatte, lehrte mich meine Mutter kyrillische Buchstaben. Sie war keine Russin und die Buchstaben wurden für uns zur Geheimsprache - wir schrieben uns damit Zettelchen auf Deutsch. Ich lernte von eins bis zehn zählen und ein paar Wörter und wusste nie, warum. Kyrillische Buchstaben fühle ich sehr intensiv. Ich fühle irgendwelche kindlichen Parallelwelten, in denen Bären namens Mischa vorkamen und jeder Hund Bobik hieß. Aber nichts ist greifbar, es wabert wie Nebel um mich herum.
Immerhin, ich bin also schon einmal so weit, dass ich Wörter lesen kann. Nun sei ein weiteres Schulabenteuer nicht verschwiegen. Der Kalte Krieg bestimmte das politische Klima, man schrieb die 1970er im äußersten Westen an der französischen Grenze. Wir waren verrückt nach James Bond, die Welt schien uns ein einziger Abenteuerspielplatz. Manchmal kamen seltsame Autos nach Rastatt, mit Leuten darin wie im Film. Sie gingen einkaufen, sprachen Russisch und wurden strengstens bewacht. Aufdringlich unaufdringlich gekleidete Männer schirmten die Leute vollkommen von der Bevölkerung ab, nicht einmal grüßen durften sie im Laden. Es war die Rede von irgendeiner "russischen Vertretung" in Baden-Baden. Nie habe ich herausgefunden, was sich dahinter verbarg.
Aber wir waren im romantischen Alter. Da spielte vielleicht James Bond vor unseren eigenen Augen in der Stadt! Damals waren Überläufer in aller Munde. Was aber würden wir tun, wenn sich jemand von diesen Geheimdienstlern losmachen wollte? Ganz genau. Die Lösung war so einfach wie logisch, wenn man süße sechzehn war: Wir mussten dringend Russisch lernen! Wie sollten wir sonst die Flüchtigen vor den Bösewichten verstecken? Gesagt, getan. Wir überredeten tatsächlich einen unserer Lehrer, einen Russischkurs einzurichten. Damals im Westen Deutschlands eigentlich ein Unding. Und deshalb gab es auch keine richtigen Lehrbücher. Wir hörten nie die lebendige Sprache. Die einzigen Russen, die ab und zu vorbeikamen, durften ja nicht reden. Unser Lehrer spielte uns irgendwelche alten, von Schauspielern besprochenen Schallplatten ab.
Das ging ein Jahr so. Und weil die Sprache noch schwieriger schien als Latein, wurden wir damit belohnt, dass wir nach jeder Stunde Simon & Garfunkel hören durften. Für besondere Leistungen gab es "Bridge over troubled water". Das alles ist lange her, fast zu lange ...
Und deshalb stakse ich wieder wie ein Marsmännchen über den Planeten und versuche, Kindheitsbilder zu sehen. Das müsste sich doch alles reaktivieren lassen? Oft, zu oft, verheddere ich mich noch im polnischen Wörterwald, so ähnlich sehen sich manche Birken. Und dann ist es passiert! Kürzlich spielten sie im Radio "Bridge over troubled water". Jetzt ist das sprachlose Marsmännchen ein Pawlow'scher Hund. Das Gefühl ist wieder da. Die Klänge, die Gerüche, die Erinnerungen. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Wenn ich fühle, werde ich mich dann vielleicht erinnern? Und woran?
In der Zeit zwischen den Jahren werde ich einen Selbstversuch am lebendigen Leib durchführen. Ich will das Original von Nijinskys Tagebüchern so oft lesen, bis ich etwas verstehe. Natürlich mit der Musik von Simon & Garfunkel. Ich habe keine Ahnung, was passieren wird. Ich schätze, es wird nicht ganz so schlimm wie mit meinem einstigen "Zuhälterfranzösisch". Vielleicht spreche ich eines Tages Russisch wie ein verrückt gewordener Tänzer?
Vielleicht aber lernt es auch mein Hund schneller als ich. Der heißt mit Kosenamen Bobik und muss sich derzeit mein Gestammel anhören, bis ein Satz sitzt.
Maler zu verschenken
Immer noch kein passendes Weihnachtsgeschenk in Sicht? Schenken Sie doch in diesem Jahr einmal einen Maler?!
Bei den Recherchen über russische Kultur in Baden-Baden fällt mir immer wieder auf, wie sehr zuweilen in deutschsprachigen Veröffentlichungen die Zeit der Markgrafen und Zaren unkritisch romantisiert wird. Manchmal könnte man meinen, einige wünschten sich in diese Zeiten zurück. Tauche ich jedoch tiefer in die Weltgeschichte ein, packt mich gelinder Grusel. Ein solches Fundstück förderte ich gerade aus dem alten "Herders Conversations Lexikon" zutage:
"Feodor Iwanowitsch (* um 1765 in Russland; † 27. Januar 1832 in Karlsruhe), genannt Kalmück, war ein badischer Maler und Kupferstecher.Vergessen wir das nicht: Der badische Absolutismus mag vielleicht in seiner Bedeutung kleiner gewesen sein als der russische, aber er war schlimm genug, dass eines Tages im Hof des Rastatter Schlosses von Revolutionären ein Freiheitsbaum mit Jakobinermütze errichtet wurde.
Feodor Iwanowitsch wurde wahrscheinlich um 1765 an der russisch-chinesischen Grenze geboren. Bei kriegerischen Auseinandersetzungen der Kalmücken mit den Russen unter Ubashi Khan wurde er 1770 von Kosaken gefangen genommen und nach Sankt Petersburg an den Zarenhof gebracht.
Anlässlich eines Staatsbesuchs in Karlsruhe schenkte später die Zarin Katharina II. den Leibeigenen Feodor Iwanowitsch der badischen Markgräfin Anna Charlotte Amalie, der Mutter von Karl Friedrich von Baden."
Wenigstens für den Kalmücken Feodor Iwanowitsch gab es ein Happy End - er wurde später gefördert und zum Hofmaler zu Karlsruhe ernannt. Er hat einst die Malereien in der evangelischen Kirche begonnen, die Professor Zell vervollständigte. Ob er eigens freigelassen wurde oder durch die Abschaffung der Leibeigenschaft in der Markgrafschaft Baden im Jahre 1783 automatisch frei wurde, müsste recherchiert werden.
Von Rudi und vom Nikolausi
Wahrhaft höllische Überraschungen kann man als hauptberufliche Grenzgängerin erleben. Vor allem, wenn im Weihnachtsland die Grenzstraßen gesperrt sind und unheimliche Umleitungen zwischen Stock und Wildschwein durch schier endlos scheinende Wälder führen. Das Weihnachtsland liegt übrigens dort, wo das Christkind eine Frau ist - weißgekleidet mit einem Lichterkranz auf dem Kopf. Es liegt dort, wo man einst Christbäume kopfunter an den Deckenbalken hängte und später mit roten Kunstrosen schmückte. Angeblich wurde Weihnachten im Elsass erfunden. Heute sind viele Elsässer Orte globalisiert, sehen aus wie ein Disneyland made in Taiwan - und das nicht selten schon ab Ende Oktober.
Dumm, dass ich gestern bei all diesen Umleitungen in eine dicke Nebelsuppe geraten bin. Es war nur ein leichtes Kribbeln im Nacken, das mir signalisierte: Mit dieser Straße stimmt etwas nicht! Nach Baden-Baden hätte sie geradeaus führen sollen. Stattdessen geriet ich immer tiefer in die Altrheinsümpfe. Ein paar ausgelassene Ochsenfrösche hüpften am Straßenrand, streckten mir ihren Daumen entgegen und ahmten dunkel klingende Glocken nach. Als ich mir an die Stirn tippte und weiterfuhr, hielten sie sich die Bäuche vor Quaken. Aus dem Nichts kommend schlängelten sich dicke Lianen im Dunst um hochgewachsene Eichen. In einer dieser Lianen hatte sich ein fetter Weihnachtsmann mit seinem Stiefel verfangen. Winzige nackte Putten umschwirrten ihn wie fleischfarbene Motten und zwackten ihn von allen Seiten. Das himmlische Gekichere war unerträglich. Sein Gebrüll nach einer Flasche Coca Cola auch.
Instinktiv nahm ich den Fuß vom Gas. Das war auch gut so, denn es wurde doch tatsächlich an der Grenzstation kontrolliert! Ein bärbeißiger Typ von Nussknacker, der augenscheinlich mehr als regelmäßig zum Check beim Zahnarzt ging, stand in einem Holzverschlag am Wasser. Zackig vertrat er mir den Weg und brüllte mich an, als ich das Fenster heruntergekurbelt hatte: "Papiere! Volkszählungsnachweis!" Ich muss wohl zu dumm aus der Wäsche geschaut haben, denn er wies mich an, die Weihnachtsgeschichte rückwärts aufzusagen. Ja, da war doch irgendetwas, mit Ausländern und Volkszählung und ausgebuchten Hotels ... Wahrscheinlich wieder irgend ein Kongress in Betlehem, was ging das mich an, ich wollte nur unbeschadet über die Landesgrenze!
Hinter mir drängelte ein Esel: "Weib, mach hinne! Ich komme zu spät zum Bratwurstessen!" Die Esel von heute sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Hätten die Menschen einst so ein unhöfliches Pack vom Stroh der Weihnachtskrippe fressen lassen? Da war er wieder. Dieser flüchtige Gedanke. Abgerissene, ärmliche, ungewaschene Ausländer. Zu Fuß unterwegs. Schon viel zu lang. Hungrig. Verzweifelt. Mit Volkszählungsaufruf in der Tasche und einem Baby im Arm. Wie sie nur an diesem Nußknacker vorbeigekommen waren? In den Grandhotels von Betlehem warf man sie hochkant raus. Wenn solche kommen, sind schnell alle Zimmer ausgebucht. Die sind immer für die Römer reserviert.
Aber zum Glück eilte dann der Typ mit der Colaflasche vorbei, mit seiner ratzfatzrasanten Troika, gezogen von Rudi, dem rotnasigen, weil dauerbetrunkenen Rentier. Ab durch die Mitte, die Lichtentaler Allee entlang. Joseph streckte den Daumen heraus. Zu spät, Rudi war schon längst an der nächsten Tränke. Selbst Gott ließ sich nirgends blicken. Was sollte so einer wie er nur tun in einer fremden Stadt, mit einer erschöpften Frau und einem hungrigen Kuckuckskind und einem unverschämten Esel, in dessen Magen es rumpelte, als hätten ihm die sieben Geißlein Wackersteine hineingenäht?
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| Da kam ein güldener Löwe des Wegs ... |
Da kam ein güldener Löwe des Wegs. Der flötete wie eine Amsel im Frühling: "Fohohoholget miiiir. Auf mein Kathedralendächlein. In mein Tannennestlein. Mit Kügelchen und Brimborium, mit Flitterchen auf dem Emporium ... fohohoholget mir!" Joseph hatte keine Chance. Er erkannte wohl, dass es sich um einen der bezahlten Anwerber handelte, welche die hungrigen Mäuler in die Spelunken der Römer locken sollte, damit sie ihr letztes bißchen Geld loswurden. Überall standen sie, diese vergoldeten Einheimischen, an jeder Straßenecke, und sie mästeten sich am unaufhörlichen Strom der Fremden, die zum Gezähltwerden gekommen waren.
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| ... dass Rudi Rednose zu einer schneeweißen Salzsäule erstarrt war ... |
"Hohohohoooo!", brüllte es auch aus dem Tannendickicht, "hohohohoooo, hier herein, hier ist's fein, wärmer als beim dämlichen Krippelein!" So schnell war der Weihnachtsmann auf seiner Troika gewesen, dass Rudi Rednose zu einer schneeweißen Salzsäule erstarrt war und gen Gomorrha blickte.
Was soll ich noch sagen? Die Geschichte ging aus, wie solche Geschichten immer ausgehen! Joseph ließ sich kaufen, mitsamt Familie und Esel. Ob Höhle oder Stall - das ärmliche Asyl, von dem sie in den Kirchen predigen, war lediglich die Erfindung eines überhitzten Schriftstellergemüts gewesen. Familie Jesusmariaundjoseph ging in Wirklichkeit dem güldenen Werber auf den Leim. Wochenlang werden sie bleiben und sie fressen sich jeden Tag die Speisekarte rauf und runter, runter und rauf. Die Römer haben ihnen sogar Strom in die Bude gelegt, weil sich Musterfamilien immer gut machen. Als Beispiel. Als Werbeträger. Als Appetizer. Als Zeichen: Schaut, so gut gehen wir mit den Fremden in der Stadt um! Wir haben nicht einmal etwas gegen Tierhaltung in der Unterkunft. Wenn es denn eine gut gepflegte badische Kuh ist.
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| Joseph ließ sich kaufen, mitsamt Familie und Esel. |
Smile, liebe Familie Jesusmariaundjoseph, smile und say "happy Schnitzel" und "Cheese". Schließlich müsst ihr etwas tun für die Herberge, für die Römer und all die Bratwürste, die verzehrt werden wollen zum Weihnachtspreis. Macht gute Miene, bleibt sanft, schließlich erwarten wir noch die Heiligen Drei Könige mit ihren gefüllten Schatullen!
Ich muss zu sehr in Gedanken gewesen sein. Ich lief frontal in einen Esel hinein. Sein erschrockenes "ia!" ließ den Strom der Neuankömmlinge auf der Straße erstarren. Wie himmlische Tränen tropfte der dicke Nebel auf die Menschen. "Was stehst du auch so dumm im Weg?", fragte ich den Esel. "Ich wollte auf die Flucht nach Ägypten", murmelte der. Ich kramte in meiner Geldbörse und fragte: "Nimmst du mich mit? Aber es muss schnell gehen, bitte jetzt gleich!"
(Um die Bilder in ihrem vollen Schrecken zu genießen, einfach anklicken oder in neuem Tab öffnen)
Rachmaninow und Sakuski
Es war ein unvergesslicher Abend gestern im Baden-Badener Palais Biron: Die Deutsch-Russische Kulturgesellschaft hatte zum zweiten "musikalischen Salon" geladen, der dem Pianisten, Komponisten und Dirigenten Sergej Rachmaninow gewidmet war. Die Inszenierung des Konzertabends mit anschließendem Empfang überraschte von Anfang an, als die Sopranistin Yaroslavna Golovanova singend durchs Publikum zum Flügel schritt. Sie war es auch, die den Abend mit Charme und Leidenschaft moderierte, so dass man recht kurzweilig Wissenswertes über Sergej Rachmaninow erfuhr.
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| Palais Biron in Baden-Baden |
Und immer wieder war die Musik dazu passend und liebevoll ausgesucht. Eine Arie aus Fidelio von Ludwig van Beethoven illustrierte Rachmaninows Liebe zu diesem deutschen Komponisten und Tschaikowskys Lied "Serenade von Don Juan" verdeutlichte den Einfluss des großen Meisters.
Es gab aber noch eine Überraschung, eigentlich eine doppelte. Faszinierend war es zu erleben, welche guten Musiker und Sänger in Baden-Baden zur Verfügung stehen - das ist internationale Güteklasse. Neben der Sopranistin Yaroslavna Golovanova und dem Bass Mikhail Nikiforov spielten Elena Benditskaja und Hae-Song Jang Klavier. Am Cello war Konstantin Manaev zu hören.
Und genau dieser junge Cellist hat mir dann den Atem genommen. Zufällig hatte ich am Mittag noch eine CD-Aufnahme von Rachmaninows Sonate für Cello in G moll Op. 19 gehört, gespielt von einem Cellisten, der eine sehr klare und kühle Art hat. Am Abend dann die gleiche Sonate: eine völlig andere Welt, ein ganz anderer Rachmaninow. Allerdings einer, der sich mir eher erschließt. Ich bin keine Klassikkritikerin und erspare meinen Lesern peinlich blumige Beschreibungen. Aber was Konstantin Manaev da auf der Bühne nicht nur gespielt, sondern gelebt hat, erfüllte nicht nur mich mit dem Verdacht, aus diesem jungen Solisten könne etwas Großes werden.
Erst im April 2010 hatte er sein Debüt-Konzert mit Schostakowitsch in der Zürcher Tonhalle gegeben, im Moment bereitet er sein Solisten-Diplom bei Ivan Monighetti in Basel vor. Gespielt hat der Cellist, der schon mit zehn Jahren samt Orchester auf der Bühne stand, mit Musikern wie Zakhar Bron oder Misha Maisky, mit dem Moskauer Symphonieorchester der Nordwestdeutschen Philharmonie, der Sankt Petersburger Kammerphilharmonie oder dem Luzerner Sinfonieorchester. Dass er eines Tages im Festspielhaus zu hören sein würde, wie man ihm nach seinem Spiel wünschte, halte ich für absolut möglich. Den Namen Konstantin Manaev muss man sich unbedingt merken!
Bei Sakuski und Sekt konnte man dann alte Bekanntschaften auffrischen und neue Menschen kennenlernen - ihnen allen gemeinsam die Begeisterung für Musik und Kultur. Kosmopoliten waren da versammelt und ich musste wieder einmal feststellen, dass ich viel darum gäbe, wenn ich auch nur ein winziges bißchen so gut Russisch könnte wie einige der anwesenden Russen Deutsch. Immerhin, ich konnte nach vielen Jahren sogar mal wieder Polnisch sprechen...
Die Deutsch-Russische Kulturgesellschaft mit ihrer Präsidentin Valentina Juschina hat ganze (und sicherlich aufwändige) Arbeit geleistet, den Gästen nicht nur einen unvergesslichen Abend zu schenken, sondern auch in Baden-Baden einen niveauvollen Platz zu schaffen, an dem sich Deutsche und Russen jenseits von Vorurteilen und Klischees kennenlernen und gemeinsam engagieren können. Die Stadt Baden-Baden erhält mit dem musikalischen Salon eine neue künstlerische, kulturelle Veranstaltungsreihe - und das ist meiner Meinung nach ganz besonders wichtig in Zeiten, in denen ein Austausch über die Grenzen hinweg immer stärker nur auf wirtschaftliche Beziehungen reduziert zu sein scheint. Es sind die menschlichen, die kulturellen Beziehungen, die Wirtschaft und Politik überhaupt erst möglich machen. Und es sind die Künste, die weit ab von Sprachkenntnissen Kommunikation leisten und anregen.
- Website der Deutsch-Russischen Kulturgesellschaft
- Konstantin Manaev bei Classic Clips
- und für alle, die nicht dabei sein konnten, eine kleine Kostprobe mit Konstantin Manaev in seinem Debutkonzert (leider sehr schlechte Tonqualität) und mit Alexander Matrosov in "Counterparts":
Es gibt nichts, was man nicht bei youtube findet - zum krönenden Abschluss genau die Kombination, die ich im Palais Biron hören konnte: Konstantin Manaev und die Pianistin Hae-Song Jang spielen die Cello-Sonate op. 19 von Rachmaninow.
Society Tratsch
Gestern wäre er nach unserem Kalender 193 Jahre alt geworden: Iwan Turgenjew, der russische Schriftsteller, der Baden-Baden und Paris zu seiner Wahlheimat gemacht hatte. Nehme ich seinen in Deutschland eher unbekannten Roman "Rauch" (auch unter "Dunst", russ. Дым) zur Hand, so frage ich mich immer wieder: Ist dieser Schriftsteller einfach ewig jung und aktuell geblieben oder hat sich Baden-Baden seit seinen herrlich ironischen Beschreibungen nicht verändert?
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| Die Ladenzeile bei der "Conversation", pardon, dem Kurhaus |
Ein paar Pralinchen aus dem Roman für den nächsten Stadtspaziergang:
Man schaue aus nach "le culte de la pose" ... die unnatürliche Langsamkeit der Bewegungen, den gelangweilt-blasierten Ausdruck im unbewegten, fast beleidigten Gesicht, sowie die Angewohnheit, anderen gähnend ins Wort zu fallen, die eigenen Finger und Nägel eingehend zu betrachten, durch die Nase zu lachen ..."
Und gibt es noch die Schöne und Reiche, "die von den bösen Zungen 'Wespenkönigin' und 'Haubenmedusa' genannt wurde" ?
Ach, und "Graf X., unser unvergleichlicher Dilettant, eine zutiefst musikalische Natur, der wundersam Romanzen 'vorträgt', im Grunde genommen aber keine zwei Töne aneinanderreihen kann, ohne mit dem Zeigefinger kreuz und quer auf den Tasten herumzutippen, und der halb wie ein schlechter Zigeuner, halb wie ein Pariser Coiffeur singt."Aus einem Dialog:
"Was ist das für ein Gebäude, das da mit den Säulen? Wo wird denn gespielt? ... Was für ein Hut! Hier findet man wohl alles so wie in Paris? Aber alles ist schrecklich teuer, nehm ich an? ..."Iwan Turgenjews Roman "Rauch" von 1867 ist in der Stadtbibliothek auszuleihen, wenn ich mein Exemplar wieder abgegeben habe. Ansonsten kann man ihn mit etwas Glück antiquarisch erstehen. Bekannt wurde Iwan Turgenjew in Deutschland vor allem durch seine Erzählungen und den Roman "Väter und Söhne".
Eine laufende Nase
Im Vollsuff können einem höchst seltsame Dinge passieren. Manche Menschen sollen plötzlich weiße Mäuse sehen, bei anderen queren rosa Elefanten die Straße. Und manchmal geht es auch recht realistisch ab, wie etwa bei einem gewissen Friseur, der zum Frühstück ein frisch gebackenes Brot in Hälften teilte und darin die Nase eines Kunden fand. War er versehentlich mit dem Rasiermesser abgerutscht?
Und was bitte sollte unser braver, wenn auch öfter zu tief ins Wodkaglas schauender Barbier mit der frisch gebackenen Nase anfangen? Man konnte ihm schließlich auf irgendwelche Spuren kommen, womöglich die Polizei ... Die Bekannten unseres Friseurs werden es ahnen: Im morgendlichen Kater vollführt der Mensch seltsame Dinge, um so eine Nase unauffällig loszuwerden. Schlau ist er ja. Er geht zur Isaaks-Brücke und hat einen Geistesblitz. Er blickte sich vor allem um; dann beugte er sich über das Geländer, als wolle er unter die Brücke schauen - ob da viel Fische schwömmen -, und schleuderte den Lappen mit der Nase verstohlen ins Wasser. Ihm war, als habe er zehn Pud auf einmal abgeworfen. Doch wäre er kaum derart erleichtert gewesen, wenn er noch alle Sinne zusammen gehabt hätte. Wer hätte schließlich gedacht, dass die Newa irgendwann in die Oos fließt und jene Nase ... in der Tat, sehr groß und schwer wog!
Anderswo in der Stadt vollführt ein anderer Mensch noch wunderlichere Dinge. Er ist nüchtern, aber seine Nase ist weg. Wo sie einst saß, prangt eine glatte Stelle ohne Narben, ohne jede Spur, dass sich hier einmal etwas im Gesicht befunden haben könnte. Kowaljow, so heißt unser nasenloser Zeitgenosse, hat schlechte Laune, denn er kann nicht flirten und sein Gesicht nicht zeigen. Er hält ein Taschentuch vors Nichts und betritt eine Konditorei, um sich im Spiegel zu betrachten. Schließlich ist das einigermaßen unglaublich, wenn einem über Nacht die Nase abhanden gekommen ist, ohne dass man mitsamt Riechorgan zu tief ins Glas geschaut hat.
Kowaljow kann es nicht fassen. Vor der Konditorei hält ein Wagen. Ein Herr in Uniform sprang, leicht gebückt, heraus und eilte die Treppe hinauf. Wie groß aber war das Erstaunen, ja das Entsetzen Kowaljows, als er die eigene Nase in ihm erkannte!
Chto Delat in der Kunsthalle
Der neue Chef der Baden-Badener Kunsthalle, Johan Holten, sorgte bereits mit seiner ersten Ausstellung über guten, schlechten und teuren Geschmack für Furore und frischen Wind. Vom 29.10.2011 bis 12.2.2012 ist die Kunsthalle wieder für eine Überraschung gut: Das russische Künstlerkollektiv Chto Delat? (Was tun?) hat nicht nur eine eigene Ausstellungsarchitektur entwickelt, sondern in Zusammenarbeit mit Schauspielern und Musikern auch vier Singspiele für ihre Installationen geschrieben.
Chto Delat? hinterfragt kritisch das politische Klima Russlands in den letzten zwanzig Jahren und setzt sich mit den alten und neuen Formen der Propaganda auseinander. Eigens für Baden-Baden wurde das Singspiel "Das Lehrstück vom Un-Einverständnis" entwickelt. Die konzertante Uraufführung am 28.10.2011 um 19 Uhr lehnt sich an eine Uraufführung Bertolt Brechts 1929 in Baden-Baden an.
Die Staatliche Kunsthalle schreibt dazu:
"Dem Chor, der Stimme des Volkes, ist ein in Baden-Baden lebender Russe gegenübergestellt, der wie ein Querulant auftritt und die Äußerung des Chors über die Beziehung von Krankheit und Normalität für vollkommen sinnlos hält. Auch einer reichen Kunstsammlerin gefällt der offenkundig politische Ansatz des Konzerts nicht, weshalb die Aufführung mit einem Eklat endet, der wiederum von den Grenzen aktivistischer Kunst am Anfang des 21. Jahrhunderts handelt."Das Singspiel entstand in Zusammenarbeit mit dem Theater Baden-Baden, dem Badischen Staatstheater Karlsruhe, der Hochschule für Musik und dem ZKM Karlsruhe. Der erste Katalog von Chto Delat? in deutscher und englischer Sprache erscheint zeitgleich.
Mehr Infos bei der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden
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